Generationswechsel
bei Harley.
Ein vollkommen
neues Motorradmodell hat Harley-Davidson zuletzt 1951 vorgestellt. Exakt
50 Jahre später präsentiert das Traditionsunternehmen wiederum
ein gänzlich neues Modell als Plattform einer selbstständigen
Baureihe.
Die erste Harley mit einer Literleistung von rund 100 PS und einem wassergekühlten
V2-Motor mit 60-Grad-Zylinderwinkel stellt vor allem technisch eine
Revolution dar, bislang wiesen Harleys stets luftgekühlte, langhubig
ausgelegte Motoren mit geringen Literleistungen auf. Das Triebwerk unseres
Testkandidaten hat mit dem anderen Harley-Modellreihen keinerlei Gemeinsamkeiten.
Harley-Davidson wollte bei dem neuen Bike ganz bewusst auch auf dem
Triebwerksektor andere Wege gehen. Ausgangspunkt war die Entwicklung
des Superbike-Rennmotors vom Typ VR 1000. Porsche bekam 1996 das Rennaggregat
samt dem Auftrag, das Triebwerk strassentauglich zu machen. Die Stuttgarter
beschränkten den Hubraum auf 1130 Kubikzentimeter und realisierten
dabei die stolze Leistung von 115 PS und 100 Nm.
Fünf lange Jahre dauerte die Arbeit an Konzept und Design des neuen
Bikes. Klar war, dass als erstes Modell der neuen Baureihe ein Custombike
entstehen musste. "Long and Low" sollte die V-ROD werden,
und das ist sie auch. Der Radstand von 1713 mm ist rekordverdächtig.
Der Lenkkopfwinkel von 34 Grad sorgen für eine gestreckte Linie.
Entsprechend weit vorne mussten die Fussrasten montiert werden. Die
Sitzposition ist dennoch durchaus bequem.
Doch nicht nur optisch setzt die V-ROD Zeichen, auch technisch ging
Harley in die Vollen.
Der Rahmen besteht aus Stahl und besitzt erstmals bei Harley geschraubte
Unterzüge. Die Gabel ist mit 49 mm Standrohdurchmesser sehr massiv
ausgefallen und die Bremsanlage weißt vorne zwei schwimmend gelagerte
Scheiben mit Vierkolbensätteln samt Stahlflex-Bremsleitung auf.
Zum Einbau eines ABS mochten sich die Amis freilich noch nicht durchringen.
Signifikantes Gestaltungsmerkmal ist die reichliche Verwendung von Aluminium.
Das, was bei anderen Motorrädern üblicherweise der Tank ist,
dient hier nur als durchaus sehenswerte Abdeckung des Luftfilters. Ungewöhnlich
sind auch die Scheibenräder aus eloxiertem Alu. Ebenfalls als absoluten
Hingucker darf man die Kombination aus Instrumententräger und Scheinwerfer
bezeichnen.
Das Triebwerk lässt des Bikers Herz höher schlagen. Schon
bei knapp 2.000 U/min geht es tüchtig vorwärts, und erst bei
über 9.000 Touren setzt der elektronische Drehzahlbegrenzer dem
fröhlichen Treiben ein Ende. Leistung satt seht zur Verfügung
und zwar in jedem Drehzahlbereich. Der Aufwand ist allerdings auch beträchtlich:
So kommen sowohl eine geschmiedete Kurbelwelle wie auch geschmiedete
Kolben zum Einsatz. In den Zylinderköpfen sorgen jeweils vier Ventile
und zwei Nockenwellen für schnellen Gasdurchsatz. Die zentralen
Innereien des Motors wie Kurbelwelle, Kolben und Pleuel sowie das Fünfganggetriebe
kommen aus "Good old Germany". Angesichts dessen drängt
sich die Frage auf: Gibt es in Amerika etwa keine zuverlässigen
High-Tech Zulieferer mehr?
Wie auch immer. Das fast hundertjährige Biker-Urgestein Harley-Davidson
wird schon wissen warum.
Fazit:
Die neue V-ROD ist die beste und stärkste Serien-Harley aller Zeiten.
Ihr Design ist im Ganzen wie im Detail bestechend, womit sie ein vollkommen
eigenständiges Erscheinungsbild besitzt. Die grosszügige Verwendung
von Aluminium verleiht der V-ROD etwas Edles, was sie angesichts des
Kaufpreises von stolzen 21.055.- Eur. allerdings auch dringend benötigt.
Pascal Berchem.